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Dec 30 2011
Fortschritt, Befreiung, Revolte werden noch immer mit dem Aufwachen assoziiert und scheinen nicht anders denkbar zu sein denn als Ergebnis eines alles durchdringenden Morgenappells. Der Wachheitswahn durchzieht die Geschichte des Fortschrittsglaubens vom »Völker, hört die Signale« und »Wacht auf, Verdammte dieser Erde« über die herrgottsfrühe Frühstücksmobilisierung in lebensreformerischen Erziehungsheimen bis zum Radiomoderator, der seinen Zuhörern den Fluch, sich allmorgendlich dem Stumpfsinn der Mitmenschen aussetzen zu müssen, als Ausdruck zeitgemäßer Agilität verkauft. Wo Managern die effiziente Nutzung des Sekundenschlafs empfohlen wird und aufgeweckte Dreistigkeit als Ausdruck von Charakterstärke firmiert, wird nicht nur nachhaltig gegessen, sondern auch nachhaltig geschlafen. Erst recht der Beischlaf, den so zu nennen bereits als Symtom von Verklemmtheit gilt, muss ganz und gar nützliche Tätigkeit und hundertprozentiger Lustgewinn sein und darf in nichts mehr an jene einverständige Ruhe erinnern, die im Glücksfall auf ihn folgt und in der vermeintlich euphemistischen Redewendung bewahrt bleibt. Denn keine Stunde darf einfach verschwendet sein. Die Erinnerung an das schöne Leben, das durch solch planvolle Vernutzung vollends unmöglich wird, ist aufgehoben in Zeilen wie »Kein schöner Land in dieser Zeit«, die zwar dem Volkslied entstammen, aber nicht das Land des Volkes, sondern das unteilbare Land der Freiheit meinen. Eine Ahnung davon scheint in der konzentrierten Ruhe auf, die das Gesicht des Schlafenden spiegelt und die zu sehen noch heute zu den intimsten Privilegien gehört, die man anderen gewähren kann. Deshalb können nur Liebende wahrhaft glücklich schlafen. Von der Drohung der Wehrlosigkeit erlöst, ist das Gesicht des Schlafenden Sinnbild jenes Friedensschlusses, mit dem die Menschheit nicht nur den Schlaf, sondern das Leben vom Joch der Angst befreit.

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